Transzendenz ist nicht neues: Ihre Entdeckung geht lange vor Maslow zurück und findet sich beispielsweise in der Philosophie und in der (christlichen) Mystik wieder. Die Transzendenzerfahrung ging allen großen Religionen einst voraus. Da sie jedoch nicht durch Worte allein vermittelbar ist, sind religiöse die Überlieferungen fern ab ihres Ursprungs, nämlich der Erfahrung des Universellen, des göttlichen Ursprungs. Anstelle dessen sind Spekulation und Glaube geblieben. Der forschende Mensch fragt sich zu Recht:
„Warum sollte ich etwas glauben, nur weil es irgendwer irgendwann mal gesagt haben soll? Ich möchte wissen und erfahren.“ Solange es beim Glauben bleibt, ist es nicht mehr als Spekulation, erst die Erfahrung macht den Glauben zur Erkenntnis und damit glaubhaft.
In der Maslowschen Bedürfnishierarchie bezieht sich Transzendenz auf das höchste Level menschlicher Bedürfnisse und Entwicklungsmöglichkeiten. Diese ist unabhängig von Religion, benötigt keinen religiösen Glauben und schon gar keine institutionellen Dogmen, die eher hinderlich wären Transzendenz zu erfahren.
Abraham Maslow, ein amerikanischer, humanistischer Psychologe, erweiterte seine ursprüngliche Annahme die Selbstverwirklichung sei die Spitze aller Wachstumsbedürfnisse, zu einem späteren Zeitpunkt um die Stufe der unlängst aus der (christlichen) Mystik bekannten Transzendenz, die über die Selbstverwirklichung hinausgeht.
Platz in der Bedürfnispyramide
Abraham Maslow stellte fest, dass die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse in einer Hierarchie relativer Vorherrschaft organisiert sind.
Die Pyramide umfasst:
- Physiologische Bedürfnisse: Nahrung, Wasser, Schlaf usw.
- Sicherheitsbedürfnisse: Schutz, Stabilität, Sicherheit, Vorhersehbarkeit.
- Soziale Bedürfnisse: Zugehörigkeit, Liebe, Freundschaft.
- Wertschätzungsbedürfnisse: Selbstachtung, Anerkennung durch andere.
- Selbstverwirklichung: Persönliches Wachstum, Erfüllung des eigenen Potenzials.
- Transzendenz: Das Streben nach höheren Zielen und Erfahrungen, die über das individuelle Selbst hinausgehen.
Bedeutung der Transzendenz
Mystik ist in der Biologie angelegt – Mystische Erfahrungen sind alltäglich
„Der Mensch besitzt eine höhere und transzendente Natur, und sie ist Teil seines Wesens, d. h. seiner biologischen Natur als Mitglied einer Gattung, die der Evolution entsprungen ist“.
„Das ´Projekt´ ist für alle Menschen biologisch umschrieben; es besteht darin, Mensch zu werden.“
„Wenn wir wohlauf und gesund sind und das Konzept ´Mensch´ angemessen erfüllen, sollten Erfahrungen der Transzendenz im Prinzip zur Normalität werden.“
„Die zweite große Lektion, die ich gelernt habe, lautete, dass dies eine natürliche, keine übernatürliche Erfahrung war, und ich gab die Bezeichnung ´mystische Erfahrungen´ auf und nannte sie ´Gipfelerlebnisse´. Sie können wissenschaftlich untersucht werden. … Sie befinden sich innerhalb der Reichweite des menschlichen Wissens, sind keine ewigen Geheimnisse. Sie befinden sich in der Welt, nicht außerhalb der Welt…
Diese Erfahrungen hatten meist nichts mit Religion zu tun, zumindest nicht im normalen übernatürlichen Sinne. Sie entstammten den großen Augenblicken von Liebe und Sex, den großen ästhetischen Augenblicken (insbesondere Musik), den Ausbrüchen von Kreativität und kreativem Furor (der großen Inspiration), den großen Augenblicken der Einsicht und der Entdeckung, bei Frauen dem Erleben einer natürlichen Geburt – oder der bloßen Liebe zu den Kindern, den Augenblicken der Verschmelzung mit der Natur (im Wald, an der Küste, auf den Bergen, etc.), gewissen sportlichen Erfahrungen wie Schnorcheln, Tanzen, etc.“
„Sie benötigen nicht unbedingt eine jahrelange Ausbildung oder ein Studium. Sie beschränken sich nicht auf randständige Menschen, d.h. Mönche, Heilige oder Yogis, Zen-Buddhisten, Orientalen oder Menschen in einem besonderen Stand der Gnade. Gipfelerlebnisse sind nicht etwas, das im Fernen Osten vorkommt, an besonderen Orten oder einem speziell geschulten oder auserwählten Volk.“
„Der Himmel ist überall um uns herum, steht im Prinzip immer zur Verfügung, bereit, für in ein paar Minuten betreten zu werden. Er ist überall – in der Küche, bei der Arbeit oder auf einem Basketballplatz – überall dort, wo Vollkommenheit passieren kann, wo Mittel zum Zweck werden oder wo ein Job richtig gut gemacht wurde. Das Leben allseitiger Verbundenheit ist leichter erreichbar, als jemals erträumt, und eine Sache ist ganz offenbar – Forschung bringt es noch näher und macht es verfügbar.“
„Es findet statt in der Mitte des Lebens, widerfährt alltäglichen Menschen in alltäglichen Berufen.“
Für Maslow ist das Streben nach Transzendenz ein in uns angelegtes und der menschlichen Entwicklung gemäßes Ziel, da sie Teil unserer biologischen Natur ist. Diese Stufe repräsentiert das Bedürfnis nach sich selbst – nach der Verwirklichung des kompletten Potenzials des Menschseins, ohne eine Möglichkeiten der Menschwerdung auszuschließen. Im Sinne von: Warum bei der Selbstverwirklich stehen bleiben, wenn eine weitere „Stufe“ wie die Transzendenz im Menschen angelegt und möglich ist?! Es ist das Bedürfnis nach seiner wahren Natur und dem Angebundensein an diesem transzendenten Teil seines Wesens, welches wiederum mit allem verbunden ist, da es zugleich der Schnittpunkt mit der Quelle allen Lebens ist.
Das hiesige Paradox wäre: „Das Göttliche oder die Quelle ist in mir, und ich bin im Göttlichen oder in der Quelle.“
Es geht um einen höheren Sinn und Zweck im Leben, der über persönliche Errungenschaften und individuelles Glück hinausgeht.
Transzendenz ist eine Reise jenseits der Materie und doch überall inmitten dieser.
Transzendenz bezieht sich auf eine erfahrbare höhere Realität oder Dimension, die über die alltägliche Realität hinausgeht (und sie zugleich durchdringt). Sie hat einen bedeutenden Einfluss auf die Art und Weise, wie Menschen ihre Existenz, Spiritualität und Beziehung zur Welt verstehen, gestalten und erleben.
Als Transzendenz bezeichnet man also etwas, was über die physische Welt, Körper, Psyche & Persönlichkeit hinausgeht. Über das Stoffliche, wie Gedanken, Gefühle, Konzepte, Wissen. Sie überschreitet die 5 Sinne und das rationale Verständnis. Das Erleben von Transzendenz geht demnach über die gewöhnliche Erfahrung oder Wahrnehmung hinaus und generiert einen erweiterten Bewusstseinszustand. Dies kann nicht nur im religiösen oder auch im philosophischen Kontext auftreten, sondern findet insbesondere auch in alltäglichen Erfahrungen statt.
In den Religionen wurde Transzendenz mit der Zeit überwiegend ausgeschlossen, aber in der Mystik war und ist sie elementar. Dort verweist sie auf die Existenz eines göttlichen, spirituellen bzw. einen transzendenten Bereich, der über die Welt der alltäglichen Sinnhaftigkeiten hinausgeht. Philosophisch betrachtet kann Transzendenz darauf hinweisen, dass das Wesen der Realität jenseits dessen liegt, was durch die Sinne und rationale Analyse erfasst werden kann.
Transzendenz bedeutet eine höhere Wahrnehmung, Bewusstseinserweiterung und Wahrnehmungsverschiebung. Sie realisiert einen im Menschen seit jeher angelegten verschütteten Sinn, jenseits der 5 Sinne, der daher immer schon zur Verfügung stand!
Gewahrsein – ein neuer Sinn und Der Unterschied zwischen Bewusstsein und Gewahrsein
Graf Dürckheim, ein große Zen-Meister sagt so präzise und zutreffend zur Transzendenz: „ Spiritualität ist die Transparenz zum immanent Transzendenten.“
Transparenz bedeutet durchlässig sein; immanent, was überall innewohnt; transzendent ist das, was über alles hinausgeht.
In diesem Kontext besteht das Bedürfnis nach einem natürlichen Zustand der Einheit und Verbundenheit mit etwas, das über das eigene physische Selbst und Ego hinausgeht. Ein Zustand dem wir als Baby nah waren, bevor wie gelernt haben, dass die Form (Körper, Gedanken, Psyche/Persönlichkeit, Gefühle, Wissen etc.) alles ist, was uns ausmacht.
Religio bedeutet eigentlich (genau diese) Rückanbindung): Es ist das intuitive Bedürfnis, sich mit einer tieferen Realität/Wahrheit und/oder seiner nicht physisch fassbaren Quelle zu verbinden, von der wir irgendwo tief in uns noch wissen, dass es einst unser natürlicher Zustand war. Mit jenem Spirit oder jener Dimension, was alles Leben hervorgebracht hat und allem Leben immanent ist, und wofür wir transparent bzw. durchlässig werden können, um das (wieder) zu realisieren. Dazu kann, muss man aber nicht „Gott“ sagen. Das Problem bei dem Begriff „Gott“ ist, dass dieser durch Religion, Kultur und Philosophie und Weltanschauung biographisch geprägt ist. Transzendenz hingegen geht jedoch über alle Begrifflichkeiten und deren Bedeutung hinaus. Es beschreibt etwas, das über unser Begriffsvermögen, Vorstellungen und rationales Verstehen hinausgeht. Nicht umsonst steht beispielsweise in der Bibel: „Mache Dir kein Bildnis von mir!“
„Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was in den Wassern, unter der Erde ist.“ (2. Mose 20,4)
Das Paradox ist: Es ist überall und nirgends – transzendent und immanent.
Es handelt sich also um ein natürliches Bedürfnis nach einem im Menschen angelegten wahrhaftigen, befreiten und mit seiner wahren Natur vollkommen vereinigten Zustand. Eine Rückanbindung mit seiner und aller Lebensquelle. Etwas, dass in allem als nicht-Gestalt und nicht Bild in einer höheren Dimension enthalten ist. Dieses Bedürfnis macht sich häufig als eine tiefe Sehnsucht nach Gott oder dem Göttlichen bemerkbar, oder zeigt sich als Gefühl, dass etwas fehlt, von dem wir nicht sagen können, was es ist und wonach wir suchen. Es ergibt sich manches mal auch dann, wenn wir die existenzielle Sinnfrage des Lebens stellen. Oftmals aufgrund von erschütternden Erfahrungen oder Krisen oder stark beeindruckende Erlebnisse, die uns unmissverständlich deutlich machen, dass es noch etwas gibt, dass wir rational nicht erfassen können und dennoch unermesslich tiefer, größer und beeindruckender in seiner (oft transformativen) Wirkung ist, als alles, was wir bisher aus der materiellen Welt kennen.
Erfahrungen der Transzendenz können unerwartet vorkommen, aber auch durch innere Praxis realisiert werden –
durch Meditation, Kontemplation, Za-Zen, Achtsamkeit , Loslassen, Hingabe und Stille.
Man muss offen und durchlässig werden:
„Die günstigste Geistesverfassung, um sie zu ´empfangen´, ist fast eine Art Passivität, ein Vertrauen oder eine ´Kapitulation´, eine taoistische Haltung des Gewährenlassens ohne Störung oder Eingriff. Man muss in der Lage sein, Stolz, Wille, Macht, Steuerung, Kontrolle aufzugeben. Man muss in der Lage sein zu entspannen und es passieren zu lassen.“ Passivität´ meint, „zu vertrauen, sich zu entspannen und empfänglich und taoistisch zu sein, Dinge ohne Eingreifen laufen zu lassen, demütig zu sein und sich zu fügen.“ Die Seins-Erkenntnis im Gipfelerlebnis ist passiver und aufnehmender, demütiger, als normale Erkenntnis. Sie ist bereiter und fähiger, zuzuhören.“
„So läuft die ganze Sache nicht bloß in religiöser Bekehrung oder mystischer Erfahrung ab, sondern auch in der Sexualität. Es ist sehr einfach, sexuelle Elemente in der mystischen Literatur ausfindig zu machen, und man kann leicht einsehen, dass eine sexualfeindliche Religion etwas Derartiges ablehnen musste…
Gleiches gilt für Wasserlassen, Stuhlgang, Schlafen, Entspannung, etc. Alles das beinhaltet die Fähigkeit, loszulassen, die Dinge geschehen zu lassen. Willenskraft stört nur. In diesem gleichen Sinne scheint es, als ob der Einsatz von Willenskraft Gipfelerlebnisse hemme.“
Was hindert uns so offen und durchlässig zu werden/sein?
A. Maslow: „Ganz allgemein jene Kräfte, die uns klein machen, pathologisieren, die uns in den Regress führen, also zu Dummheit, Schmerz, Krankheit, Furcht, „Vergessen“ (Unbewusstheit), Dissoziation, Reduktion auf das Konkrete, Neurotisierung usw.. Auch „Angst vor Emotionen und Kontrollverlust und Zartheit“ sind hinderlich.
Menschen erleben in Gipfelerfahrungen bestimmte Werte als selbstevident. Maslow nennt sie „S-Werte“ = Seins-Werte, sind jene Werte, die sich dem Erlebenden aus Transzendenz-und Gipfelerfahrungen von selbst erschließen. Sie bekommen einen Einblick in eine übergeordnete Realität mit übergeordneten universellen Werten. (DIE Realität über uns selbst und die Welt, wenn wir unbeeinflusst (frei von Prägungen) das wahrnehmen, was tatsächlich HIER ist. Dies kann nur im relativ entspannten Hier und Jetzt, in der unverblümten Gegenwärtigkeit stattfinden.)
A. Maslow: „Die Beschreibung der S-Werte, verstanden als Aspekte der Realität, sollten unterschieden werden von den Haltungen und Emotionen des Seinskenners (Erwachten) gegenüber dieser genannten Realität und deren Attributen, etwa Ehrfurcht, Liebe, Bewunderung…“
„Peak experiences“ -> Gipfelerfahrungen lassen folgende Seinswerte aufscheinen:
Wahrheit: Ehrlichkeit, Realität, Nacktheit, Einfachheit, Wesentlichkeit, Schönheit, Reinheit, unverfälschte Vollständigkeit.
Schönheit: Recht, Form, Lebendigkeit, Einfachheit, Reichtum, Ganzheit, Perfektion, Vollständigkeit, Einzigartigkeit, Ehrlichkeit.
Lebendigkeit: Prozess, Nicht-Todsein, Bewegung, Ewigkeit, Fließen, Selbstverewigung, Spontanität, sich selbst bewegende Energie, Selbstformierung, Selbstregulation, volles Funktionieren, sich verändern und dennoch der gleiche bleiben, sich selbst ausdrücken, Unendlichkeit.
Mühelosigkeit: Leichtigkeit, Fehlen von Anstrengung, Sehnsucht oder Schwierigkeit, Anmut, vollkommenes und schönes Wirken.
Ferner nennt und erläutert Maslow folgende Seinswerte: Gutheit, Ganzheit, Überwindung von Einseitigkeit, Einzigartigkeit, Perfektion, Notwendigkeit, Vollständigkeit, Gerechtigkeit, Einfachheit, Spielend, Selbstgenügsamkeit.
Maslow versteht Seins-Werte über die mystische Kernerfahrung hinaus als Merkmale gesunden Lebens. Er zitierte Henry Geiger: „Eine Bildung, die den ganzen Bereich des transzendenten Denkens unberührt lässt, ist eine Bildung, die nichts wichtiges über die Bedeutung des menschlichen Lebens zu sagen hat.“
A. Maslow: „Gipfelerlebnisse sind wie ein plötzliches Stolpern in den Himmel; wie das Wunder, das geschehen ist, wie die schließlich erlangte Vollkommenheit.“ Sie sind unter anderem gekennzeichnet durch Augenblicke großer Ehrfurcht, intensiven Glücks gar Glückseligkeit. Sie geben Menschen „das Gefühl, dass sie wirklich die ultimative Wahrheit, das Wesen der Dinge, das Geheimnis des Lebens gesehen hätten, als wäre ein Schleier beiseite gezogen worden.“
Das kann ich nur bestätigen. Bei Interesse könnt ihr meine Gipfelerfahrung mit 19 Jahren – die ich als eine Form des Erwachens definiere – von grenzenloser, bedingungsloser Liebe hier lesen. Und tatsächlich haben sich mein Menschen- und Weltbild und Gottesverständnis (ich war Atheistin) anschließend vollkommen verändert. Diese Erfahrung war transformierend.
Menschen, die transzendente Erfahrungen (Formen des Erwachens) machen erleben beispielsweise:
- Gipfelerfahrungen: Diese können religiöser oder spiritueller Natur sein, wie z.B. Meditation oder mystische Erfahrungen. Flow-Zustände, Einheitserfahrungen, Erfahrung grenzenloser Liebe
- Altruismus: Der Wunsch, anderen zu helfen und das Wohlbefinden anderer zu fördern, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.
- Erfahrung von Einheit: Ein tiefes Gefühl der Verbundenheit mit der gesamten Menschheit, der Natur oder dem Universum, von grenzenloser Weite und Unendlichkeit.
- Ästhetische Erfahrungen: Das Streben nach Schönheit und künstlerischem Ausdruck, die das Bewusstsein erweitern und inspirieren.
- Wissenschaftliche und philosophische Suche nach Wahrheit: Der Drang, grundlegende Fragen über das Leben, das Universum und unsere Existenz zu erforschen und zu verstehen.
- Verschmelzungserfahrungen: Extase beim Sex mit dem Liebespartner, oder beim Musik hören oder machen, beim Tanzen oder Singen etc..
Transzendenz, transpersonales Bewusstsein oder reines Bewusstsein oder Gewahrsein sind verwandt oder können synonym verwendet werden. Alle Begriffe beinhalten erweiterte, transzendentale Bewusstseinsebenen die über das Alltagskonsensbewusstsein und Ego-Ich-Identifikationen hinausgehen. Für die Psychologie ist das nichts Neues. Einflussreiche Psychologen und Psychotherapeuten wie z.B. C. G. Jung, Stanislav Grof, Roberto Assagioli, Graf Dürckheim oder Ken Wilber erforschten und vermittelten diese Ebenen im Bereich der Transpersonalen Psychologie und transpersonalen Psychotherapie.
„Ein besonderer phänomenologischer Zustand, in dem die Person irgendwie den gesamten Kosmos oder zumindest die Einheit und Integration davon und von allem darin, einschließlich ihres Selbst, wahrnimmt.“
Transzendenz und innere Befreiung
Transzendenz und Befreiung haben viele Gemeinsamkeiten, insbesondere in ihrem Streben nach einem Zustand, der über die gewöhnlichen menschlichen Erfahrungen hinausgeht und oft als höchste Form des menschlichen Seins betrachtet wird. Hier nur einige Punkte:
Überwindung des Egos und Selbst: Erfordert die Überwindung des eigenen Egos, die Freiheit von persönlichen, oft egozentrischen, Begrenzungen und Ängsten. Es ist ein Prozess des Loslassens von Selbstbezogenheit und Anhaftungen.
Transformation und Wachstum: Repräsentiert die Spitze der menschlichen Entwicklung nach Maslow, wo das Individuum sein volles Potenzial entfaltet und über die materiellen und psychologischen Bedürfnisse hinauswächst. Es durchläuft tiefgreifende persönliche und spirituelle Veränderungen, und erreicht damit einen Zustand höherer Bewusstheit, innerer Freiheit und inneren Friedens.
Transzendenz als höchste Stufe der Bedürfnispyramide meint die höchste Form und damit die maximale Befreiung und Menschwerdung. Sie repräsentiert den Höhepunkt menschlicher Ent-wicklung in Form einer Rückanbindung zu etwas, dass immer schon Teil unserer Natur war, und die Erfüllung des tiefsten menschlichen Potenzials. Nicht, weil dies etwas Besonderes sei, sondern, weil unsere Kultur, Religionen und Gesellschaft so sehr von diesem natürlichen mystischen/spirituellen Anteil im Menschen abgekommen ist!
Nicht umsonst ist der Mensch jenseits aller Vernunft irregeleitet, führt Kriege gegen Mitglieder der eigenen Spezies, zerstört die Natur und damit seine eigene Lebensgrundlage. Der Mensch lebt in einer Blase von Selbstverleugnung, Selbstbetrug in Scheinrealitäten, die sogar offensichtlichste destruktive Entwicklungen übersieht. Sein Bewusstsein ist begrenzt und tunnelblickhaft. Man könnte sagen: Er ist nicht bei Sinnen.
Auswirkungen von Transzendenz:
- Zufriedenheit, Wohlbefinden, innere Gelassenheit und Frieden: Transzendente Erfahrungen bzw. Transzendenz als Teil des alltäglichen menschlichen Lebens führt zu einem tiefen Gefühl von Frieden, Zufriedenheit und Glück.
- Erhöhte Lebensqualität: Eine verbesserte Lebensqualität durch reduzierte Stress und Angst, ein Leben in Gegenwärtigkeit (im Hier und Jetzt) sowie eine gesteigerte Fähigkeit, mit Herausforderungen umzugehen.
- Ich-Stärke: Die Entwicklung von Autonomie und Beziehungsfähigkeit. Der Mensch ist gut mit sich selbst verbunden und kann auch starke Regungen und Emotionen gut halten und in sich selbstständig erlösen. Er hat ein klares Gefühl für seine Grenzen und Möglichkeiten und kann mit Herausforderungen gut umgehen.
- Erweiterung des Bewusstseins: Ein erweitertes Bewusstsein, das es ermöglicht, die Welt und sich selbst auf neue, umfassendere und tieferer Weise zu sehen.
- Kreativität und Inspiration: Transzendenz kann zu einer gesteigerten Kreativität und Inspiration führen. Das volle individuelle Potenzial wird zugänglich.
- Tiefere Beziehungen: Eine intensivere Verbindung zu anderen Menschen und zur Natur.
- Sinnhaftigkeit: Größere und tiefere Zusammenhänge werden deutlicher und ein neues Gefühl von Sinnhaftigkeit und Zweck im Leben kann entstehen.
- Verbindung zum Göttlichen, als dem Ursprung von allem: Eine tiefe Verbundenheit mit der Natur, dem Universum oder einer höheren Macht – jener Quelle die alles Leben hervorbringt- zu erfahren.
- Ego und -Leidfreiheit: Mit der Überwindung des Ego-Ich als begrenzte Identität werden das damit verbundene Leid, Angst und andere negative Emotionen erlöst und eine tiefe Entspannung und Befreiung erreicht.
- Erwachen und Weisheit: Einen Zustand höchster Bewusstheit, Klarheit und Einsicht zu erreichen, der über das alltägliche menschliche Bewusstsein hinausgeht.
- Wahre Natur und Wesenskern: Ganzheit und das wahre Selbst sowie die ursprünglich in uns angelegte Individualität mit all ihren Facetten ohne Angst leben.
Transzendenz bedeutet die Grenzen des eigenen Ichs zu überschreiten und eine Verbindung zu etwas Größerem IN UNS SELBST bzw. der in uns angelegten Transzendenz. Die Vorteile dieser Erfahrung und ihre Realisation sind neben einem selbst bestimmten Leben in Anbindung an sich selbst und der Welt vielfältig.
Die Erfahrung der Transzendenz ist sehr individuell und lässt sich vor allem nicht immer in Worten fassen.
Allein die Suche nach Transzendenz ist keine Garantie für ein dauerhaft glückliches und erfülltes Leben. Transzendente Erfahrungen können zwar zu tiefgreifenden Veränderungen führen, aber sie lösen weder alle Probleme des Lebens, noch machen sie psychotherapeutische Arbeit und Individuation unnötig. Ganz im Gegenteil sind innere Heil-und Integrationsprozesse fragmentierter Persönlichkeitsanteile (z.B. Schattenintegration) und die Transformation oben zusätzlich erwähnter Lebens- und Persönlichkeitsbereiche notwendig, um Transzendenz dauerhaft in seinem Leben zu realisieren. Dies muss nicht unbedingt vollständig, aber zumindest annähernd, so dass sowohl ausreichend Stabilität (Ich-Stärke) und Bodenhaftung (Erdung), als auch Offenheit, Entspannung (des Nervensystems) und Durchlässigkeit im Körper-Geist-Organismus bestehen.
Maslows Definitionen lassen sich in drei sich teils überlappende Kategorien einteilen:
1. Transzendenz als Zeichen reifen Erwachsenseins
2. Transzendenz der Norm
3. Selbsttranszendenz als Gipfelerlebnis
Autonomie: Selbsttranszendenz als Zeichen reifen Erwachsenseins
In diesem Zusammenhang beinhaltet Selbsttranszendenz das Überschreiten folgender Grenzen:
– Verantwortung für sich und seine Gefühle übernehmen
– Rücknahme von Projektionen (die Verantwortung für das eigene Wohlbefinden, Grenzen und Trigger übernehmen)
– Raus aus dem Drama-Dreieck der Opfer-Täter-Retter – Dynamiken.
– Die eigene Vergangenheit bewältigen und von Konflikten lösen, die in der Vergangenheit festhalten und unser Hier und Jetzt beeinflussen. (Die eigene Geschichte und (Kindheits)Traumata)
– Heilung des Schmerzkörpers
– Schwarz-Weiß-Denken, stattdessen Vereinigung der Polaritäten und Gegensätze (Resultat von transzendentaler Entwicklung)
– Abhängigkeiten von Partnern, Eltern oder anderen Autoritätspersonen (stattdessen die eigenen Stärken und Autonomie entwickeln.)
– Überwindung der Defizit- und Egobedürfnisse, was lediglich bedeutet, dass sie nicht mehr die dominierende Kraft im Leben sind.
– Die Meinung anderer als selbst-bestimmtes Individuum wahrnehmen statt als Maßstab, und über gängige gesellschaftliche Normen und Werte hinausgehen. Nach seiner eigenen Façon leben. Keine Angst davor haben, was andere über Dich denken könnten.
– Das Freudsche Über-Ich. Das bedeutet, sich über den inneren Elternteil zu erheben und das natürlich angelegte innere Gewissen und den eigenen inneren ethischen Rahmen ( Seinswerte) zu entdecken.
Autonomie: Transzendenz der Norm
- Alltägliche Knechtschaft der gesellschaftlichen Ordnung.
- Kultur
- Sozialisation und Erziehung
- Die Konditionierungen und Indoktrinationen und daraus übernommene Wertesysteme, Credo oder Glaubensbekenntnisse
- Die Kluft zwischen Fakten und Werten
- Wir-und die anderen-Polarität – Konkurrenz zwischen Menschen hört auf.
- Aufopferung für andere hört auf, stattdessen die eigenen Bedürfnisse und Grenzen achten.
Viele dieser aufgezählten Aspekte werden und können nicht gezielt willentlich eingeübt oder errungen werden, sondern ergeben sich durch den Transformationsprozess von selbst. Sie sind vielmehr Resultat des Transformationsprozess, als persönliche Errungenschaft.
Gipfelerlebnisse
Nach Maslow ist der Mensch in einer Gipfelerfahrung seinem wahren Selbst am nächsten. Dies sei die wichtigste Quelle sauberer und unverfälschter „Daten“. Glauben und Erdachtes wird auf ein Minimum reduziert und Entdeckungen bzw. (Seins-)Erkenntnisse auf ein Maximum gesteigert.
Gipfelerfahrungen sind höchst individuell und können sich von Person zu Person stark unterscheiden. Sie können in verschiedenen Kontexten und Formen auftreten. Die Beschreibung einer Gipfelerfahrung ist immer subjektiv und kann von anderen Menschen unterschiedlich interpretiert werden, insbesondere deshalb, wenn die persönliche Erfahrung fehlt.
Transzendenz-Beispiele: Neuausrichtung durch Transzendenzerfahrungen können beispielsweise Nahtoderfahrungen oder auch die folgenden Beispiele sein.
Hinwendung zu höheren Tugenden
Du lebst in einer Gesellschaft, die stark auf materiellen Erfolg, Karriere und äußeres Ansehen ausgerichtet ist. Dein Leben ist geprägt von dem ständigen Streben nach beruflichen Erfolgen, sozialem Status und finanziellen Gewinnen. Ein schwerer Autounfall, den Du knapp überlebst, wird jedoch zum Wendepunkt in Deinem Leben.
Nach diesem einschneidenden Erlebnis beginnen sich Deine Prioritäten drastisch zu verändern. Über Wochen und Monate hinweg verlieren materielle Dinge und berufliche Erfolge an Bedeutung. Stattdessen entwickelst Du ein tiefes Bedürfnis nach innerer Erfüllung und spirituellem Wachstum. Geld und Status sind nicht mehr Deine Hauptantriebe.
Wo Du früher vielleicht Kompromisse bei Deinen Werten eingegangen wärst, um beruflich voranzukommen, wirst Du jetzt von inneren Werten wie Mitgefühl, Ehrlichkeit und Weisheit geleitet. Dein neues moralisches Fundament gibt Dir nicht nur Frieden, sondern auch eine tiefe Zufriedenheit, die unabhängig von äußeren Erfolgen ist.
Über den Egoismus hinaus gehen
Du sitzt am Sterbebett eines geliebten Menschen und hältst seine Hand. Die Welt um dich herum scheint zu verschwimmen, und all deine bisherigen Sorgen und Gedanken treten in den Hintergrund.
In diesem intensiven Moment fühlst du eine tiefe Verbundenheit und Verantwortung. Augenblicke zuvor drehte sich dein Leben nur um alltägliche Belange. Nichts anderes war wichtig, denn deine eigenen Bedürfnisse standen im Vordergrund.
Doch jetzt, in diesem Moment der Transzendenz und Hingabe, hat das Wohl und der Frieden dieses geliebten Menschen Vorrang vor allem anderen. Du bist bereit, alles zu tun, um ihm in seinen letzten Stunden Trost und Geborgenheit zu schenken.
Tiefe Verbundenheit
Du wanderst an einem stillen, klaren Morgen am Strand entlang. Der Ozean glitzert im sanften Licht der aufgehenden Sonne, und die Wellen rollen rhythmisch ans Ufer. Der salzige Duft des Meeres erfüllt die Luft, und Möwen kreisen über dir.
Plötzlich hörst du auf zu gehen und dein Gedankenstrom verstummt. Du stehst still und atmest tief ein. In diesem Moment fühlst du eine tiefe Transzendenz. Du bist eins mit dem Ozean und der gesamten Küstenlandschaft. Du bist nicht getrennt vom Meer und der Natur um dich herum. Du bist ein Teil von ihr.
Menschliche Grenzen überwinden
Du wanderst einen steilen Bergpfad hinauf. Nach einigen Stunden spürst du, wie deine Beine schwer werden und dein Atem schneller geht. Doch plötzlich verändert sich etwas.
Die Erschöpfung weicht einer neuen Leichtigkeit, und dein Körper fühlt sich federleicht an. Die Müdigkeit verschwindet, als ob du aus einem unendlichen Energiereservoir schöpfst. Dein Atem wird tief und gleichmäßig. Du erlebst eine tiefe Transzendenz, als ob du schwerelos den Berg hinaufgleitest.
Charakteristika von Gipfelerfahrungen nach Maslow:
Perfektion: Die Erfahrung wird als vollkommen und perfekt empfunden.
Intensität: Sie sind oft überwältigend und unvergesslich.
Ganzheit: Während der Erfahrung verschmelzen die Grenzen zwischen Selbst und Welt oft.
Transzendenz des Selbst: Es entsteht ein Gefühl der Verbindung zu etwas Größerem als dem eigenen Ich.
Sinnhaftigkeit: Die Erfahrung vermittelt ein Gefühl von Sinn und Bedeutung.
Erkenntnis: Die Erfahrung ermöglicht tiefe Einsichten und Einblicke in Wahrheiten und höhere Ordnungen (Seinswerte) durch ein erweitertes Bewusstsein, weshalb sie oft transformativ wirken.
Zeitlosigkeit: Die Zeit scheint stillzustehen.
Maslow beschrieb Gipfelerfahrungen als intensive, positive und oft transformative Erlebnisse, die das Leben eines Menschen bereichern, seinen Charakter verändern können und ihm einen tieferen, zuvor unentdeckten Sinn verleihen können. Diese Erfahrungen können in verschiedenen Bereichen des Lebens auftreten.
Der Mystiker / die Mystikerin suchen nicht das Übernatürliche oder Transzendente. Sie streben danach, den natürlichen Menschen in sich zu entwickeln – den Menschen, der sich von Stressoren befreit hat und sich von einengenden Vorprogrammierungen gelöst hat. Sie steigen aus dem „Dramadreieck“ der Opfer-, Täter- und Retter-Rolle aus und übernehmen bewusst die Verantwortung für sich und ihr Leben.
Mystik dreht sich um eine Lebensführung, die radikale Autonomie beinhaltet: Es geht um eine dauerhafte Praxis bewusst wahrzunehmen, was ich denke, was ich fühle und was ich will. Es geht darum, das eigene Leben auf der Grundlage dieser weitgehenden Deprogrammierung zu gestalten – unabhängig von kulturellen Erwartungen, Kritik oder Lob.
Mystik bedeutet geistige Klarheit und eine Herzöffnung. Sie bedeutet Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und dabei emotionale Unabhängigkeit zu entwickeln. Das Über-Ich wird überwunden und wir werden zu autonomen, auf uns selbst gestellte Individuen die selbst bestimmt leben.
Maslow betonte, dass Religionen durch Menschen mit Gipfelerfahrungen entstanden sind. Die Offenbarungen innerhalb der Gipfelerfahrung wurden also im Anschluss weitergegeben. Das Problem der Religionen ist jedoch, dass sie von Menschen ohne Gipfelerfahrungen zwangsläufig fehlinterpretiert und somit verfälscht weitergegeben werden. Das erklärt, weshalb sie, anders als die Mystik, nicht zu Transzendenz-Erfahrung führen und nicht zur vollständigen Entfaltung des Menschen beitragen.
„…organisierte Religion kann gedacht werden als ein Versuch, Gipfelerlebnisse Gipfellosen zu vermitteln, sie ihnen zu lehren, für sie verfügbar zu machen usw. Um es noch komplizierter zu machen, fiel diese Aufgabe oft in die Hände von Gipfellosen. (… ) Die Gipfelerlebnisse und ihre empirische Gegebenheit lässt sich für gewöhnlich Gipfellosen nicht vermitteln, wenigstens nicht durch Worte allein, und gewiss nicht durch Gipfellose. Stattdessen konkretisieren die Leute, besonders die ignoranten, die ungebildeten und die naiven, die Symbole, die Worte, Standbilder, Zeremonien und verwandeln durch einen Prozess der funktionalen Autonomie sie anstelle der ursprünglichen Offenbarung in die heiligen Dinge und die heiligen Handlungen.„
Hier findest Du eine von mir erstellte ausführliche psychologisch-therapeutische Beschreibung zum Verlauf von: Bedürfnisse – Entwicklung – Wachstum – Ganzheit – Transzendenz



